02.11.2026

NIVEA und Sozialheld*innen testen inklusive Verpackungslösungen

Cremedose aufdrehen, Duschgel in die Hand drücken, Bodylotion öffnen: für die sind das routinierte Handgriffe, für die anderen eine Herausforderung. Als globales Unternehmen mit Marken wie der mehr als 100 Jahre alten „Ikone” NIVEA will Beiersdorf Hautpflege für Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten zugänglich machen. Genau hier setzt ein neues Pilotprojekt an: Zusammen mit der NGO Sozialheld*innen und tesa hat NIVEA zugänglichere, wiederverwendbare Verpackungsaccessoires für NIVEA Soft Creme, Duschgel und Body Lotion entwickelt. Der Pilot startet im November 2026 in den NIVEA Häusern Hamburg und Berlin.

Im Interview sprechen Jenny Behnk, Global Design & Brand Identity Manager NIVEA, und Edwin Turusev, Verpackungsingenieur bei Beiersdorf, sowie Raúl Krauthausen, Inklusionsaktivist und Gründer der Sozialheld*innen, über das Pilotprojekt von der Idee bis zum Store-Konzept.

Jenny, warum und wann ist die Idee entstanden, inklusive Verpackungen für NIVEA Produkte zu entwickeln?

Jenny Behnk, Global Design & Brand Identity Manager NIVEA, Beiersdorf

Jenny: Täglich erreichen wir mit unseren Produkten weltweit eine Vielfalt an Menschen. Inklusion ist für uns als Unternehmen daher zentral – sowohl für unsere mehr als 22.000 Mitarbeitenden als auch für unsere Konsument*innen. Dieses Engagement hat uns dazu inspiriert, auch Verpackungsentwicklung inklusiv weiterzudenken.

Die innovativen und ästhetisch zeitlosen Accessoires sind das Ergebnis eines mehrjährigen, co-kreativen Entwicklungsprozesses: 2021 haben wir erstmals mit Sozialheld*innen ausgewählte Verpackungen analysiert, um Nutzungshürden besser zu verstehen und gezielt zu reduzieren.

 

Raúl, die Sozialheld*innen haben als Leitmotto formuliert: „Wir leben den konstruktiven Aktivismus.“ Was bedeutet das generell und für dieses Projekt?

Raúl Krauthausen, Gründer Sozialheld*innen (c) Anna Spindelndreier

Raúl: Unsere Arbeit ist werte- und gemeinwohlorientiert – dabei sind wir konstruktiv und pragmatisch. Wir legen hohen Wert auf Qualität und sind mutig, Neues auszuprobieren.

Als wir uns zum ersten Mal mit dem Beiersdorf Team getroffen haben, war ziemlich schnell klar: Hier ist ernstes Interesse, was zu verändern. Uns hat gefallen, wie offen diskutiert wurde und wie konsequent unser Feedback in den Prozess eingeflossen ist.

Für mich ist das Projekt deshalb ein Best-Practice-Beispiel für erfolgreiche Kooperation unterschiedlicher Partner.

 

Warum sind inklusive Verpackungslösungen wichtig?
Laut der letzten Erhebung des Statistischen Bundesamtes (2023) leben allein in Deutschland rund 7,9 Millionen Menschen mit Schwerbehinderung, 58 Prozent davon mit einer körperlichen Behinderung. Dazu gehören Personen mit motorischen Einschränkungen an Armen und Händen, für die sich Produktverpackungen oftmals nicht einfach öffnen oder bedienen lassen. Aufgrund des demografischen Wandels wird die Zahl der Menschen wachsen, die solche Nutzungshürden im Alltag erleben.

Edwin, als Entwicklungsingenieur kann man vieles theoretisch planen. Wie wichtig war der regelmäßige Austausch mit Sozialheld*innen?

Edwin Turusev, Packaging Engineer, Beiersdorf

Edwin: Absolut entscheidend. Ohne das kontinuierliche Sparring der Sozialheld*innen hätten wir die Produkte nicht so nah an realen Bedürfnissen entwickeln können.

Ihre Perspektiven und Erfahrungen haben uns gezeigt, wo viele Menschen mit motorischen Einschränkungen im Alltag an Grenzen stoßen: zum Beispiel, wenn eine Cremedose sich schwer öffnen lässt oder ein Kappenverschluss viel Fingerspitzengefühl erfordert. Genau dort setzen die Accessoires an. 

 

Wie sah der Prozess über die vergangenen fünf Jahre aus?

Edwin: Im ersten Schritt haben wir gemeinsam 15 Produktverpackungen von NIVEA analysiert. Darauf aufbauend entstanden Prototypen, die die Sozialheld*innen gemeinsam mit Proband*innen mit Behinderungen getestet haben. Auf Basis der Erkenntnisse haben wir die Konzepte kontinuierlich weiterentwickelt, angepasst oder verworfen.

Auch unsere Beiersdorf Tochtergesellschaft tesa war beteiligt: Der Spezialist für Klebetechnologien entwickelte für zwei der drei Accessoires spezifische Lösungen für die sichere Nutzung bzw. einfache Anbringung. Am Ende standen drei tragfähige Konzepte für wiederverwendbare Lösungen, die wir nun im Pilot testen.

Jenny, für welche NIVEA-Produkte sind die Accessoires gedacht und wann bzw. wo können NIVEA-Kund*innen sie kaufen?

Jenny: Wir haben uns auf drei Kernprodukte aus dem NIVEA Sortiment konzentriert. Die neuen Alltagshelfer sind ein drehbarer Wandhalter für NIVEA Duschgel, ein drehfreier Deckel für die NIVEA Soft Creme und eine Aufklapphilfe für NIVEA Body Lotion. Die Einführung erfolgt im November 2026 in den NIVEA Häusern Hamburg und Berlin.

Warum nur an diesen beiden Orten und nicht flächendeckend im Handel?

Jenny: Die Einführung in den NIVEA Häusern ist bewusst gewählt, um im direkten Dialog den Nutzen dieser neuartigen Produkte zu erklären und Feedback einzuholen. So können wir auch die Präsentation im Store stärker mitgestalten: Für die Accessoires kommt ein neues Regalkonzept zum Einsatz, das den Zugang erleichtert – zum Beispiel für Menschen, die einen Rollstuhl nutzen. An den Teststationen gibt es zusätzlich NaviLens-Codes, über die sehbeeinträchtigte Personen einfach an Produktinformationen kommen.  

Gleichzeitig wissen wir, dass der stationäre Verkauf allein keine ideale, barrierefreie Lösung darstellt. Für uns ist er jedoch ein wichtiger erster Schritt, um daraus für die künftige Produktentwicklung zu lernen. Wir sind überzeugt, dass die Lösungen viele ansprechen – von Menschen mit motorischen Einschränkungen über ältere Personen bis hin zu allen, die sich mehr Komfort wünschen.

Raúl (ergänzt): Das ist der entscheidende Punkt: Gutes inklusives Design bringt Vorteile für alle. Auch eine Mutter oder ein Vater, die ein Baby im Arm halten, freuen sich, wenn sie nur eine Hand benötigen, um ein Produkt zu öffnen und zu nutzen.

Ist für Sozialheld*innen die Zusammenarbeit mit Beiersdorf jetzt beendet?

Raúl: Ich würde sagen, sie hat durch das Projekt nochmal an Fahrt aufgenommen. Wir haben schon vorher mit Beiersdorf zusammengearbeitet – zum Beispiel im Rahmen der internen Freiwilligeninitiative „CARE BEYOND SKIN Day”, den Beiersdorf Mitarbeitende nutzen, um unsere Online-Karte wheelmap mit rollstuhlgerechten Orten zu füllen.

Um Teilhabe nachhaltig zu stärken, braucht es langfristige Kooperationen. Wir bleiben weiterhin eng mit Beiersdorf im Austausch und nutzen Möglichkeiten, um über unseren „Blueprint for Collaboration” bei der Produktentwicklung zu sprechen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Über die Autorin: Henrike Halliwell

Henrike verantwortet im Corporate Communications Team die Themen Corporate Social Responsibility (CSR) und Diversity, Equity & Inclusion (DE&I). Mit ihrer Arbeit macht sie Beiersdorfs Engagement für eine inklusive Gesellschaft und Unternehmenskultur sichtbar. Getrieben von der Überzeugung, dass Inklusion uns alle stärkt – individuell und im Miteinander – erzählt sie Geschichten über Initiativen und Menschen, die etwas bewegen.